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Entscheidungen treffen systemisch: Wenn Pro und Contra nicht mehr helfen

Methoden20. April 202610 Min. Lesezeit

Die Grenze der klassischen Entscheidungslogik

Die meisten von uns haben eine Methode für schwierige Entscheidungen: Pro und Contra aufschreiben, abwägen, entscheiden. Das funktioniert erstaunlich oft. Aber es gibt Momente, in denen genau diese Methode versagt. Du hast zwei vollgeschriebene Spalten. Die Argumente sind fast im Gleichgewicht. Rational gäbe es gute Gründe für jede Seite. Und trotzdem kommst du nicht weiter. Irgendetwas blockiert dich.

Solche Entscheidungen haben eine andere Qualität. Sie drehen sich selten um Informationen, sondern um Zusammenhänge. Nicht die Frage „Was ist richtig?“ ist das Problem, sondern die Frage „Richtig für wen, in welchem System, unter welchen Bedingungen?“ Genau dort beginnt die systemische Sichtweise. Sie ersetzt die Pro-Contra-Liste nicht, aber sie ergänzt sie um etwas, das in schwierigen Entscheidungen oft fehlt: den Blick auf das Ganze.

In diesem Artikel geht es darum, was systemisches Entscheiden überhaupt meint, welche drei Techniken dir konkret helfen können und wie sich das am Beispiel einer fiktiven Klientin anfühlt. Lena steht vor einer Wachstumsentscheidung, die sich rational nicht auflösen lässt.

Teil 1: Die systemische Brille auf Entscheidungen

Wer systemisch auf eine Entscheidung schaut, fragt nicht zuerst nach der richtigen Antwort. Er fragt nach dem Umfeld, in dem die Antwort wirken soll. Eine Entscheidung im Berufsleben betrifft fast nie nur dich. Sie betrifft Kollegen, Kundinnen, Familienmitglieder, Routinen, Werte, Zeitressourcen. Eine gute Entscheidung ist eine, die in diesem Geflecht tragfähig ist. Nicht eine, die auf dem Papier gewinnt.

Drei Grundideen prägen die systemische Brille. Sie sind einfach zu verstehen und verändern die Art, wie du eine Entscheidung angehst.

Mehrere Perspektiven sind die Regel, nicht die Ausnahme

Jede Entscheidung hat mehr Beteiligte, als auf den ersten Blick sichtbar sind. Wenn du als Führungskraft über eine Umstrukturierung nachdenkst, sind nicht nur die Mitarbeitenden betroffen, sondern auch deine Chefin, die Kundinnen, vielleicht eine Teambeziehung, die seit Jahren trägt. Wenn du als Selbstständige über ein großes Projekt nachdenkst, sind nicht nur die Finanzen betroffen, sondern auch dein Zeitbudget, die Familie am Abendbrottisch, die Art, wie du morgens auf die Woche schaust.

Die systemische Frage lautet nicht „Was will ich?“, sondern „Wer oder was ist an dieser Entscheidung alles beteiligt, und wie würde die Entscheidung aus deren Perspektive aussehen?“ Das klingt trivial, ist es aber nicht. Viele Entscheidungen kippen in die falsche Richtung, weil eine entscheidende Stimme nicht gehört wurde.

Die Zukunft ist Teil der Gegenwart

Eine Entscheidung trifft man heute, aber ihre Folgen entfalten sich über Wochen, Monate, manchmal Jahre. Systemisches Denken bezieht diese Zeitachse aktiv ein. Statt zu fragen „Soll ich das tun?“ lautet die Frage „Wenn ich in einem Jahr zurückschaue, was sehe ich dann?“ Die scheinbar kleine Verschiebung der Perspektive öffnet Entscheidungen, die im Jetzt zu eng wirken.

Ressourcen sind wichtiger als Probleme

Klassische Entscheidungsanalyse landet schnell bei Risiken. Was könnte schiefgehen? Systemisches Denken dreht die Frage um. Was ist schon da? Welche Fähigkeiten, welche Beziehungen, welche Strukturen kannst du aktivieren? Diese Ressourcenorientierung verändert nicht die Entscheidung selbst, aber sie verändert den Zustand, in dem du sie triffst. Aus einer Frage über Verluste wird eine Frage über Möglichkeiten.

Teil 2: Drei Techniken, die du nutzen kannst

Aus der systemischen Brille lassen sich viele Methoden ableiten. Drei davon haben sich in der Coaching-Praxis besonders bewährt, weil sie leicht zugänglich sind und ohne Vorwissen funktionieren. Du kannst sie in einer Coaching-Sitzung nutzen, genauso aber allein an einem Abend mit einem Notizbuch.

Skalierung: Der Zoom auf das Wesentliche

Die Skalierungsfrage ist vermutlich die einfachste systemische Technik. Du nimmst eine Skala von eins bis zehn und stellst dir drei Fragen. Erstens: Wo stehe ich gerade bei dieser Entscheidung? Bin ich bei drei, weil ich noch gar nichts weiß? Bin ich bei sieben, weil ich eigentlich schon entschieden habe? Zweitens: Was bräuchte es, damit ich einen Punkt weiter komme? Nicht bis zehn, sondern nur einen Punkt. Drittens: Woran würde ich merken, dass ich diesen Punkt erreicht habe?

Das Besondere an dieser Methode ist, dass sie die Entscheidung nicht erzwingt. Sie macht die Bewegung sichtbar. Viele Menschen glauben, sie seien bei einer Entscheidung „ganz am Anfang“, und stellen bei der Skalierungsfrage überrascht fest, dass sie schon bei sechs oder sieben stehen. Die Entscheidung ist längst gefallen, sie trauen sich nur nicht, es auszusprechen. Andere merken, dass sie wirklich bei zwei sind und dass die vermeintliche Dringlichkeit im Außen produziert wird.

Zukunftsprojektion: Der Sprung nach vorn

Die zweite Technik stammt aus der systemischen Tradition der hypothetischen Fragen. Sie klingt zunächst abstrakt, wirkt aber überraschend konkret. Die Grundfrage lautet: Stell dir vor, du hast diese Entscheidung bereits getroffen. Es ist ein Jahr später. Du sitzt morgens in der Küche, schaust aus dem Fenster und denkst an die Entscheidung zurück. Was siehst du? Wie fühlt sich das an?

Die Wirkung dieser Frage kommt nicht von der Prognose, die natürlich unsicher bleibt. Die Wirkung kommt davon, dass dein Körper sofort Antworten gibt, die dein Kopf nicht immer zulässt. Wenn du dir eine bestimmte Zukunft vorstellst und es zieht sich etwas in deinem Bauch zusammen, ist das eine Information. Wenn du dir eine andere Zukunft vorstellst und etwas in dir wird weit, ist das auch eine Information. Keine dieser Informationen ist die ganze Wahrheit. Aber sie ergänzt die rationale Analyse um eine Dimension, die Pro-Contra-Listen nicht einfangen.

BASE: Der Notanker bei emotionaler Blockade

Manche Entscheidungen sind nicht nur komplex, sondern emotional aufgeladen. Du spürst, dass du im Kritikermodus bist, dass Ärger oder Angst die Perspektive verengen, dass du dich in einer Situation festgebissen hast. Für solche Momente hat die amerikanische Coach und Autorin Marilee Adams einen Vier-Schritte-Prozess beschrieben, der als BASE-Prozess bekannt ist.

B steht für „Befrage dich“. Frage dich ehrlich: Bringt mir das, was ich gerade denke und fühle, etwas? Verändert mein Ärger die Situation? Allein diese Frage unterbricht oft die Spirale.

A steht für „Atme bewusst“. Nicht als Atemübung, sondern als bewusster Schritt zurück. Einen Augenblick innehalten, den Blickwinkel weiten. Wovon gehe ich gerade aus? Stimmt das in allen Fällen, oder nur in diesem einen?

S steht für „Sei neugierig“. Welche Informationen fehlen mir? Was haben die anderen Beteiligten vielleicht erlebt? Was liegt in meiner Verantwortung, und was nicht?

E steht für „Entscheide“. Erst wenn die ersten drei Schritte durchlaufen sind, kommt die Entscheidung. Nicht als Entweder-oder, sondern als bewusst gewählte nächste Handlung. Was nehme ich jetzt mit? Was setze ich als Erstes um?

Der BASE-Prozess ersetzt keine strategische Entscheidungsanalyse. Er ist ein Werkzeug für die Momente, in denen die Emotionen lauter sind als die Logik. Wenn du ihn ein paar Mal angewendet hast, wirkt er fast automatisch.

Teil 3: Am Beispiel von Lena

Damit greifbar wird, wie systemisches Entscheiden sich anfühlt, lohnt sich ein Blick auf Lena, 42, selbstständige Architektin (fiktives Beispiel). Die vollständige Fallstudie beschreibt ihr Entscheidungscoaching in allen Details. Hier geht es um die Essenz.

Ausgangslage

Lena hat ein kleines Architekturbüro mit drei Mitarbeitenden. Guter Ruf, volle Auftragsbücher. Vor zwei Wochen bekam sie einen Anruf: Möbelhersteller, 3,5 Millionen Euro Bauvolumen, achtzehn Monate Laufzeit. Doppelt so groß wie ihr bisher größtes Projekt. Die Entscheidung: Wachsen, das Team verdoppeln, ein deutlich größeres Büro führen. Oder bewusst klein bleiben und das Projekt ablehnen.

Lena ist an Pro-Contra-Listen nicht arm. Sie hat ganze Abende damit verbracht. Das Ergebnis: Beide Seiten haben gute Argumente, keine Seite gewinnt. Sie dreht sich im Kreis.

Die systemische Brille

Sobald Lena die Frage verlässt „Wachsen oder nicht?“ und stattdessen fragt „Was ist in einem Jahr für mein Leben, meine Familie, mein Team, meine Gesundheit am tragfähigsten?“, verändert sich etwas. Die Frage wird größer, aber seltsam genug auch leichter. Statt zwischen zwei Polen zu pendeln, öffnet sich ein Raum mit mehr Dimensionen.

Mit der Skalierungsfrage stellt sie fest, dass sie beim Projekt selbst eher bei einer Fünf steht. Nicht Ja, nicht Nein, echtes Zwischendrin. Aber beim zugrunde liegenden Thema, nämlich der Frage, wie sie ihr Büro in den nächsten Jahren aufstellen will, steht sie bei einer Acht. Sie weiß eigentlich, dass Veränderung kommen muss. Die Frage ist nur, ob dieses Projekt der richtige Anlass ist.

Mit der Zukunftsprojektion stellt sie sich vor, es ist zwei Jahre später. Im ersten Szenario hat sie das Projekt angenommen. Sie sieht ein größeres Büro, mehr Mitarbeitende, sich selbst strategisch arbeitend, dazu aber auch Momente der Überforderung und das Gefühl, ihre Kinder nur noch am Wochenende wirklich zu sehen. Im zweiten Szenario hat sie abgelehnt. Sie sieht Stabilität, aber auch eine leise Enttäuschung, sich nicht zugetraut zu haben. Beide Zukünfte haben Licht und Schatten. Das ist ein wichtiges Ergebnis.

Mit dem BASE-Prozess merkt sie, dass ein Teil ihrer Blockade aus Angst kommt. Angst vor Kontrollverlust, Angst vor dem Nein-Sagen, Angst vor der eigenen Ambition. Sobald diese Angst benannt ist, ist sie nicht weg, aber sie wird besprechbar. Die Entscheidung ist dann nicht mehr nur eine Frage des Projekts, sondern eine Frage der Haltung.

Was Lena daraus macht

Im Entscheidungscoaching entscheidet Lena nicht unmittelbar. Sie geht mit drei Klarheiten aus der Sitzung. Erstens: Die Grundentscheidung lautet nicht Projekt Ja oder Nein, sondern wie sie die nächsten achtzehn Monate gestalten will. Zweitens: Egal, wie das Projekt ausgeht, sie wird einen Teamwechsel vornehmen und eine zweite Seniorarchitektin einstellen. Drittens: Sie wird die Projektentscheidung an zwei konkrete Bedingungen knüpfen, klare Qualitätsstandards schriftlich und feste Arbeitszeiten. Wenn der Kunde diese nicht trägt, fällt die Entscheidung gegen das Projekt.

Das ist keine fertige Antwort. Aber es ist eine innere Sortierung, die eine Pro-Contra-Liste nie geleistet hätte.

Die vollständige Fallstudie mit Systemlandkarte, SMARTE-Zielen und konkretem Ablauf der Sitzung findest du in der Fallstudie zu Lena.

Was du selbst tun kannst

Für eine systemische Entscheidung brauchst du keinen Coach. Du brauchst eine halbe Stunde, ein Blatt Papier und die Bereitschaft, die Frage größer zu machen, als sie zunächst scheint.

Nimm dir die Entscheidung vor, die dich gerade beschäftigt. Schreib sie in einem Satz auf. So konkret wie möglich. Dann beantworte nacheinander drei Fragen.

Erste Frage: Wer oder was ist an dieser Entscheidung alles beteiligt? Schreibe auf, wer betroffen ist, welche Routinen sich ändern würden, welche Werte berührt werden. Versuche, mindestens fünf Beteiligte zu finden. Danach stellst du dir von jedem Beteiligten vor, wie die Entscheidung aus seiner Perspektive aussieht.

Zweite Frage: Wo stehe ich auf einer Skala von eins bis zehn? Schreibe die Zahl auf. Dann frage dich, was es bräuchte, damit du einen Punkt weiter kommst. Nicht bis zehn. Nur einen Punkt. Die Antwort auf diese Frage ist oft der nächste konkrete Schritt.

Dritte Frage: Wenn ich in einem Jahr zurückschaue, was sehe ich? Stell dir die Zukunft nach einer Ja-Entscheidung vor. Dann die nach einer Nein-Entscheidung. Schreibe auf, was sich jeweils gut anfühlt und was nicht. Nicht analysieren, nur beschreiben.

Nach dreißig Minuten wirst du nicht unbedingt eine fertige Entscheidung haben. Aber du wirst eine andere Landkarte haben, als du hattest, bevor du angefangen hast.

Wo die Methoden an Grenzen kommen

Systemische Techniken sind hilfreich, aber sie sind kein Freifahrtschein. Es gibt Situationen, in denen sie nicht ausreichen.

Wenn eine Entscheidung fundamentale Werte berührt, reicht ein Werkzeug allein nicht. Wer vor der Frage steht, eine Partnerschaft zu beenden, das Unternehmen zu wechseln oder eine familiäre Verpflichtung aufzugeben, wird mit Skalierung und Zukunftsprojektion nur einen Teil der Antwort finden. Hier braucht es Zeit, oft auch ein Gegenüber, manchmal therapeutische Begleitung.

Wenn du die Techniken immer wieder durchlaufen hast und trotzdem nicht weiterkommst, ist das in der Regel kein Methodenproblem. Es ist ein Hinweis darauf, dass du zu dicht an der Entscheidung dran bist, um sie allein zu sehen. Das ist kein Scheitern. Es ist der Moment, in dem ein neutraler Blick von außen wertvoll wird. Genau dafür gibt es Coaching. Nicht als Antwortgeber, sondern als strukturierter Raum, in dem die Entscheidung an einem einzigen Nachmittag sortierbar wird.

Fazit

Systemisches Entscheiden ist keine Methode, die dir die Antwort abnimmt. Es ist ein Blick, der die Frage verändert. Aus „Was ist richtig?“ wird „Was ist tragfähig, für wen, unter welchen Bedingungen, über welchen Zeitraum?“ Diese Verschiebung macht die Entscheidung nicht immer leichter, aber sie macht sie ehrlicher. Und oft ist das der Unterschied zwischen einer Entscheidung, die du dir abringen musst, und einer, hinter der du wirklich stehst.

Eine Frage zum Mitnehmen. Wenn du zurzeit vor einer Entscheidung stehst, die dich nicht loslässt: Ist das wirklich die Frage, die du beantworten musst? Oder steckt dahinter eine größere, die du noch nicht ausgesprochen hast?


Hinweis: Dieser Artikel ist eine erste Fassung. Ein ausführliches Literaturverzeichnis mit den Originalquellen zu systemischen Fragetechniken und zum BASE-Prozess (Marilee Adams) folgt in einer späteren Version, sobald die Primärliteratur aufgearbeitet ist.

Jan-Aiko Berends

Über den Autor

Jan-Aiko Berends

Business Coach in Friesoythe. Sparrings- und Reflexionspartner für Führungskräfte, Teams und Selbstständige.

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