Hinweis zu diesem Artikel
Dieser Fall ist vollständig fiktiv. Alle Namen, Situationen und Details sind frei erfunden. Ich verwende grundsätzlich keine Daten aus echten Coaching-Fällen, weil das mit meiner Haltung zu Vertraulichkeit nicht vereinbar wäre. Die beschriebenen Muster sind aber realitätsnah, weil sie Situationen bündeln, die Selbstständigen an Wachstumsschwellen häufig begegnen. Lena ist eine Figur, die solche Muster sichtbar machen soll. Keine Person, keine Anekdote, kein Unternehmen.
Auf einen Blick
Wenn du als Selbstständige oder Selbstständiger vor einer großen Entscheidung stehst, wenn du spürst, dass dein bisheriges Modell an eine Grenze kommt, dann kennst du das Gefühl: Du drehst dich im Kreis. Jede Antwort bringt eine neue Frage. Genau an diesem Punkt kommt Lena ins Entscheidungscoaching.
Vor einer Weile habe ich in einem eigenen Blogartikel beschrieben, wie mein Coaching-Prozess aufgebaut ist. Dort beschreibe ich auch die zwei Formate: Das umfassende Coaching durchläuft alle fünf Phasen auf zwei Termine verteilt. Das Entscheidungscoaching ist ein kompakteres Format für Menschen, die vor einer konkreten Entscheidung stehen. Es umfasst Phase 1 und Phase 2 in einem Termin von etwa vier Stunden. Am Ende gehst du mit Systemlandkarte, klarem Zielbild und den Kriterien aus der Tür, die deine Entscheidung tragen. Ob die Entscheidung schon in der Sitzung fällt, kann ich dir nicht versprechen. Oft müssen die Erkenntnisse erst eine oder zwei Nächte wirken und sacken, bevor sich die Entscheidung setzt. Manchmal schlägt sie auch ein wie ein Blitz. Und manchmal braucht es mehr Zeit oder den Wechsel in die Phasen 3 bis 5 eines umfassenden Coachings. Dieser Wechsel ist jederzeit möglich, wenn sich zeigt, dass du mehr Arbeit am Thema brauchst. Einen kompakten Überblick zum Entscheidungscoaching findest du auch auf der Beispielprozess-Seite zum Entscheidungscoaching.
Lena nutzt genau dieses Format. Ich nehme dich mit durch ihren Entscheidungscoaching-Termin, von der ersten Begegnung bis zum Moment, in dem sie den Raum verlässt. Am Ende beschreibe ich kurz, wie ihre Entscheidung in den Wochen danach entsteht.
Wenn dich interessiert, wie ein Coaching mit allen fünf Phasen aussieht, schau dir die Fallstudie zu Thomas an. Dort wird der volle Prozess durchlaufen.
Die Ausgangslage
Lena ist 42, seit sechs Jahren selbstständige Architektin mit eigenem Büro in einer mittelgroßen Stadt. Drei Mitarbeitende: Katrin, Juniorarchitektin seit drei Jahren, fachlich stark und nach außen souverän. Simon, Bauleiter mit vier Jahren im Büro, pragmatisch und erfahren. Anna, im zweiten Ausbildungsjahr. Das Büro hat einen guten Ruf in der Region, die Auftragsbücher sind voll, Lena wird weiterempfohlen.
Lena ist verheiratet mit Matthias, der als Lehrer arbeitet. Zwei Kinder: Mia (11) und Felix (8). Außerhalb der Arbeit gibt es das Rennrad, ihr Ventil seit Jahren. Zwei bis drei Touren pro Woche, sobald das Wetter mitspielt. Dort kann sie abschalten, Gedanken sortieren, sich auspowern. Der Alltag läuft, aber knapp. Lena arbeitet regelmäßig abends am Laptop, manchmal am Wochenende. Die Familie merkt es.
Vor zwei Wochen kam ein Anruf: Ein regionaler Möbelhersteller plant eine Erweiterung. Verwaltungsgebäude und Schauraum, 3,5 Millionen Euro Bauvolumen, 18 Monate Laufzeit. Das größte Einzelprojekt, das Lena je angeboten bekommen hat. Doppelt so groß wie ihr bisher größtes. Die Empfehlung kam von einem befreundeten Unternehmer, der selbst ein Gebäude von Lena bauen ließ.
Seitdem dreht sich in Lenas Kopf alles. Sagt sie zu, braucht sie mindestens eine weitere qualifizierte Kraft, vielleicht zwei. Das Büro wäre zu klein. Die Bank müsste mitspielen. Sie müsste Dinge delegieren, die sie bisher selbst gemacht hat. Sagt sie ab, geht ein Auftrag in dieser Größe vielleicht nie wieder an ihr Büro. Und sie weiß nicht, was das für ihre Positionierung bedeutet.
Eine befreundete Unternehmerin hat ihr das Entscheidungscoaching vorgeschlagen: „Nicht, damit dir jemand die Entscheidung abnimmt. Sondern damit du sie wirklich triffst, statt dich im Kreis zu drehen. Vier Stunden Arbeit, und du gehst mit Klarheit raus, auch wenn die Antwort selbst vielleicht noch ein paar Tage braucht.“
Phase 1: Arbeitsbündnis schaffen
Ziel der Phase
Grundlagen klären. Rolle, Rahmen, Vertraulichkeit. Wie du hier gelandet bist und was du erwartest.
Was du als Klientin tust
Du sprichst offen über deine Erwartungen. Du schreibst dein Thema am Ende selbst auf das Flipchart.
Was ich als Coach tue
Ich kläre die Rahmenbedingungen und frage nach den Stimmen, die bei deiner Entscheidung mitschwingen, ohne im Raum zu sein.
„Ich drehe mich im Kreis. Jede Antwort bringt eine neue Frage.“ So beginnt Lena, kaum dass sie sich gesetzt hat. Sie hat ein Notizbuch dabei, das sie auf den Tisch legt, aber nicht öffnet.
Ich frage sie, was sie von einem Coaching erwartet. Sie sagt: jemanden, der ihr sagt, ob sie das Projekt annehmen soll oder nicht. Ich nicke und bin dankbar für den klaren Einstieg. „Das werde ich nicht tun. Die Entscheidung bleibt deine. Ich werde dir helfen, sie zu sortieren, sie greifbar zu machen und dich selbst darin klarer zu sehen. Du gehst heute vermutlich nicht mit fertiger Entscheidung aus der Tür, aber mit den Kriterien, an denen du sie festmachen kannst.“
Wir klären die Rollen. Sie trägt die Verantwortung für Inhalt und Ergebnis. Ich trage die Verantwortung für Rahmen, Qualität und das, was zwischen uns geschieht. Alles ist vertraulich. Weder Matthias noch der befreundete Unternehmer noch die Bank noch der potenzielle Auftraggeber bekommen eine Information aus unseren Gesprächen. Lena nickt und wirkt für einen Moment ruhiger.
Ich frage, wie sie hier gelandet ist. Sie erzählt von der befreundeten Unternehmerin. Dass sie lange gezögert hat, ob Coaching wirklich etwas für sie ist. Dass sie eigentlich jemand ist, der Entscheidungen allein trifft. „Aber diesmal komme ich nicht weiter.“ Ich halte inne. „Vielleicht ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis darauf, dass diese Entscheidung größer ist als deine bisherige Methode.“ Sie schaut auf.
Nach etwa einer halben Stunde frage ich sie, mit welchem Thema sie eigentlich gekommen ist. Sie überlegt lange. Dann schreibt sie auf das Flipchart, das ich ihr hinstelle: „Wachsen oder nicht: Wie entscheide ich das so, dass ich dahinterstehe?“ Wir lassen das Flipchart stehen.
Am Ende von Phase 1 hängt Lenas Thema im Raum
Flipchart
„Wachsen oder nicht: Wie entscheide ich das so, dass ich dahinterstehe?“
Lenas Thema in ihrer eigenen Schrift, sichtbar im Raum.
Ergebnis am Ende von Phase 1
Klarheit über die Zusammenarbeit, ein tragendes Arbeitsbündnis, das Thema in Lenas Worten sichtbar im Raum.
Phase 2: Thema- und Zielklärung
Ziel der Phase
Aus der Entscheidungsfrage entsteht ein klares Bild der Situation, ein SMARTEs Ziel mit Zielerreichungsmerkmalen und die Kriterien, auf denen deine Entscheidung stehen wird.
Was du als Klientin tust
Du baust dein System selbst mit Moderationskarten auf. Du formulierst dein Ziel in deinen Worten.
Was ich als Coach tue
Ich höre zu, stelle systemische Fragen, biete eine passende Methode zur Anreicherung an und führe durch die SMARTE-Formel.
SMARTE ist die klassische SMART-Formel, erweitert um das E für Eigenständigkeit. Spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert und eigenständig. Das letzte E ist bei Entscheidungsthemen besonders wichtig: Es fragt, ob die Entscheidung wirklich deine ist oder ob sie von Erwartungen anderer getragen wird.
Das System aufbauen
Nachdem Lenas Thema auf dem Flipchart steht, bitte ich sie, sich alle Personen, Rollen, Beziehungen, Einflüsse und Rahmenbedingungen vorzustellen, die mit ihrer Entscheidung zu tun haben. Dann gebe ich ihr die Moderationskarten und zeige auf den Boden. Sie lacht. „Auf den Boden?“ Ich erkläre kurz, warum: Sie sieht ihr System von außen, aus verschiedenen Distanzen und Blickwinkeln. Sie hat Platz zum Schieben und Umlegen. Ausnahme: Rücken oder andere körperliche Gründe.
Ich gebe keine Struktur vor. Lena legt komplett selbst. Wie sie das tut, gibt mir als Coach schon Information. Sie legt stark strukturiert: Links die drei Mitarbeitenden, rechts die Familie, oben das Projektangebot, unten die Finanzen. Sich selbst legt sie nicht. Ich frage irgendwann nach einer halben Stunde: „Wo bist du auf der Landkarte?“ Sie hält inne. „Stimmt. Ich bin nirgends.“ Sie nimmt eine Karte, schreibt ihren Namen drauf und legt sie. In die Mitte, fast berührend das Projekt.
Wenn sie ins Stocken gerät, stelle ich systemische Fragen, die ihr beim genaueren Hinsehen auf das aktuelle System helfen: „Spielen die Abstände der Karten zueinander bei dir eine Rolle?“ oder „Gibt es Verbindungen zwischen den Systemelementen, die du noch nicht abgebildet hast?“
Nach einer Stunde und vierzig Minuten fragt sie: „Fehlt etwas?“ Das ist der Moment, in dem ich anreichere. Weniger ist mehr. Meistens nutze ich eine Methode, um das System zu erweitern, zum Beispiel Themenzentrierte Interaktion, das St. Galler Management-Modell oder Wertekarten. Manchmal reichen auch systemische Fragen ohne zusätzliche Methode aus. Die meisten Informationen kommen ohnehin von der Klientin selbst.
Lenas Systemlandkarte (Skizze)
Moderationskarten in thematischen Clustern, von Lena selbst strukturiert. Lena hat sich zuletzt selbst in die Mitte gelegt, nahe am Projektangebot.
Wichtig: Die Skizze oben zeigt nur einen kleinen Bruchteil des tatsächlichen Systems. Eine reale Systemlandkarte umfasst deutlich mehr Karten. Nicht selten liegen 80 oder mehr Moderationskarten auf dem Boden. Je detaillierter die Karten beschriftet sind, desto besser. Die Regel: Das System und die einzelnen Karten sollten so aufgestellt und beschrieben sein, dass selbst nach einem Jahr Zwischenzeit klar ist, was mit der jeweiligen Karte gemeint war.
Das Ziel der Sitzung formulieren
Bevor wir tiefer gehen, klären wir, wohin Lena in dieser Sitzung eigentlich will. Ich frage, was ihr Ziel für die kommenden Stunden ist. Sie sagt, was viele an diesem Punkt sagen: „Ich will eine klare Entscheidung treffen. Keine Scheinentscheidung. Eine, die trägt.“
Ich hake nach, weil das noch kein Ziel ist, das wir im Coaching bearbeiten können. Eine Entscheidung ist ein Ergebnis, aber noch kein Ziel. „Die Entscheidung ist das Mittel. Um was zu erreichen willst du sie treffen? Was soll am Ende deiner Arbeit wirklich da sein?“ Lena überlegt länger. Dann sagt sie: „Einen klaren Maßnahmenplan für die nächsten 18 Monate. Mit konkreten Schritten. Einen, den ich umsetzen kann und der trägt, egal wie die Projektentscheidung ausfällt.“
Das ist das eigentliche Ziel. Es geht über die Entscheidung hinaus und zielt auf Handlungsfähigkeit. Die Entscheidung zum Projekt ist ein Teil dieses Plans, aber nicht das Ganze. Diese Hebung auf die nächsthöhere Zielebene ist im Entscheidungscoaching wichtig, weil reine Ja-Nein-Fragen oft im Kreis drehen. Das Ziel dahinter macht aus der Frage eine Aufgabe, an der man arbeiten kann. Ich bitte Lena, den Satz in ihrer Schrift auf das Flipchart zu schreiben. Dann gehen wir ihn durch die SMARTE-Formel.
Spezifisch „Was gehört in deinen Maßnahmenplan?“ „Entscheidung zum Möbelhaus-Projekt (Ja oder Nein, mit Bedingungen). Personalfragen. Schriftliche Qualitätsstandards. Meine Arbeitszeiten und Familienrhythmus. Jeder Punkt mit konkreten nächsten Schritten.“
Messbar „Woran erkennst du, dass der Plan funktioniert?“ „Ich kann ihn Matthias in zehn Minuten erklären, ohne dass er Rückfragen hat. Und in zwei Wochen bin ich weiter, nicht noch im Kreis.“
Attraktiv „Ist dieser Plan attraktiv genug, um dich dranzuhängen?“ „Ja. Er ist größer als nur die Projektfrage. Es ist die Frage, wie ich die nächsten Jahre leben will.“
Realistisch „In welcher Zeit willst du den Plan fertig haben?“ „Drei Wochen. Der Kunde erwartet bis Mitte Juli eine Rückmeldung. Den Plan will ich vorher stehen haben.“
Terminiert „Bis wann?“ „Bis zum 20. Juli.“
Eigenständig „Ist das dein Plan, oder erwartet jemand diesen Plan von dir?“ „Mein Plan. Der Empfehlende erwartet nur eine Projekt-Antwort. Den Rest formuliere ich für mich, nicht für ihn.“
Nach gut einer Viertelstunde steht das SMARTE Ziel
Flipchart
„Bis zum 20. Juli habe ich einen klaren Maßnahmenplan für die nächsten 18 Monate, wie mein Büro und mein Leben aussehen sollen. Der Plan enthält eine begründete Entscheidung zum Möbelhaus-Projekt (Ja oder Nein, mit Bedingungen), konkrete Schritte für Personal und Strukturen, schriftliche Qualitätsstandards sowie klare Regeln für meine Arbeitszeiten und meinen Familienrhythmus. Ab August arbeite ich an maximal drei Abenden pro Woche nach 19 Uhr und halte zwei Wochenenden pro Monat komplett frei. Der Plan ist meiner, nicht der meiner Umgebung.“
Der Sprung in die Situation der größtmöglichen Veränderung
Jetzt, wo das Ziel steht, mache ich mit Lena einen Schritt, der im Entscheidungscoaching zentral ist und den Prozess von einer einfachen Pro-Contra-Analyse unterscheidet. Wir versetzen sie in die Situation der größtmöglichen Veränderung. Nicht als Gedankenexperiment am Rand, sondern als inneren Ort, von dem aus sie auf ihre Entscheidung schaut. Das Prinzip dahinter: Wenn du dich nicht veränderst, bleibt das System, wie es ist. Das kannst du jederzeit prüfen. Wenn du dich aber veränderst, bewegt sich das gesamte System. Genau diese Bewegung musst du fühlen und durchdenken, bevor du die Entscheidung treffen kannst. In Lenas Fall ist die größtmögliche Veränderung die Wachstumsvariante.
„Lena, ich bitte dich, die Gegenwart für einen Moment zu verlassen. Stell dir vor, es ist Juli 2027. Du bist gerade auf einer deiner langen Rennradtouren. Du bist im Rhythmus, der Kopf ist frei, du kannst richtig abschalten. Beim Treten fällt dir auf, wie viel sich im vergangenen Jahr verändert hat. Du hast vor einem Jahr das Möbelhaus-Projekt angenommen. Du bist gewachsen, mit allem, was dazugehört. Erzähl mir, was dir auf der Fahrt durch den Kopf geht. Wie sieht dein Büro aus? Wie arbeitet dein Team? Wie leben du und Matthias? Was hat sich verändert?“
Lena antwortet zunächst zögerlich, dann immer freier. Sie beschreibt ein Büro mit sechs Leuten, eigene Projekträume, einen festen Montagmorgen-Termin für das Kernteam. Sie beschreibt Katrin, die zwei Kundengespräche pro Woche eigenständig führt, und Simon, der Baustellen-Stopps selbst entscheidet. Sie beschreibt Mia und Felix, die nicht mehr fragen, wann Mama nach Hause kommt, weil es inzwischen ein Ritual gibt: freitags Familienessen ab 18 Uhr. Und sie beschreibt sich selbst. Weniger im Zeichenprogramm, mehr im Gespräch. Manchmal denkt sie: „Ich bin nicht mehr nur Architektin. Ich bin auch Unternehmerin.“ Sie sagt das und macht eine kurze Pause.
Ich frage: „Wie fühlt sich das an, wenn du dir das so vorstellst?“ Sie überlegt. „Einiges fühlt sich gut an. Die Freitagsregel. Dass Katrin wächst. Dass ich mehr Gespräche mit Leuten führe, die etwas gestalten wollen. Anderes fühlt sich nicht gut an. Dass ich weniger selbst entwerfe. Dass ich an manchen Tagen abends müde bin von Organisation statt von Ideen.“
Das ist der Moment, in dem Entscheidungsarbeit in konkretes Material umschlägt. Lena sitzt nicht mehr vor einer abstrakten Ja-Nein-Frage. Sie sitzt vor einer Vorstellung ihres eigenen Lebens, an dem sie jetzt konkret prüft, was sie trägt und was nicht. Aus dieser Perspektive heraus werden auch ihre Zielerreichungsmerkmale entstehen. Nicht als Wunschliste aus der Gegenwart, sondern als Unterscheidungen aus einer lebendigen Zukunft.
Hinweis zum Prozess: Im Entscheidungscoaching wird die Klientin immer zuerst in die Situation der größtmöglichen Veränderung gebracht. Bei zwei Varianten wie bei Lena ist das die Wachstumsvariante. Zeigt sich an dieser Stelle eine klare Tendenz, fällt die Entscheidung oft schon aus der Qualität der Vision selbst. Bleibt Lena unsicher, schauen wir später bewusst auch auf die zweite Variante (Nicht-Wachsen), um die Unterschiede sichtbar zu machen. Bei Entscheidungen mit mehr als zwei Varianten (zum Beispiel drei Jobangebote) kommen andere Prozesse zum Einsatz. Das Grundprinzip bleibt: immer zuerst die Variante mit der größten Veränderung.
Zielerreichungsmerkmale aus der Wachstumsvision
Jetzt holen wir die Zielerreichungsmerkmale direkt aus dem Bild, das Lena eben beschrieben hat. Ich frage: „Woran erkennst du in diesem Juli 2027, dass du gewachsen bist? Was ist konkret anders als heute?“ Lena sammelt frei, ohne zu sortieren. Sie kommt auf 18 Merkmale. Dann priorisiert sie drei davon als Leitmerkmale. Jedes Merkmal bewerten wir auf einer Skala von 1 bis 10, einmal für die Gegenwart (IST) und einmal für das Wachstumsszenario (Zukunft). So wird sichtbar, was die Veränderung konkret verschieben würde.
18 Zielerreichungsmerkmale (Auszug), 3 davon priorisiert
Auch hier nur ein Auszug. Bei Lena waren es 18 Merkmale, in anderen Fällen sind 30 bis 40 keine Seltenheit.
★ = priorisiertes Leitmerkmal
Dir fällt auch bei Lena auf, dass ein Merkmal in der Zukunft niedriger eingestuft ist als heute. Der kreative Entwurfsteil. Aktuell macht Lena fast alles selbst und liebt diesen Teil ihrer Arbeit (10). Wenn sie wächst, wird sie mehr delegieren müssen, auch kreative Aufgaben (6). Das ist kein Fehler, sondern der bewusste Preis der Entscheidung. Genau solche Punkte sind in der Risikoanalyse wichtig: Was macht das mit dir? Ist das ein echtes Problem oder ein Preis, den du bewusst zahlst?
Die Gegenprobe und die Skala-Frage
Bevor wir weitergehen, mache ich mit Lena noch die Gegenprobe. Nicht ausführlich, aber deutlich genug, um den Kontrast sichtbar zu machen. „Stell dir jetzt vor, du hast dich dagegen entschieden. Es ist Juli 2027, du hast das Projekt abgelehnt. Alles ist weitgehend, wie es heute ist. Was ist anders?“ Lena antwortet fast ohne Pause: „Ruhiger. Vertraut. Ich entwerfe weiter selbst. Katrin wird auf Dauer gehen, weil sie sich entwickeln will und es bei mir nicht kann. Die Freitagsregel existiert nicht. Ich bereue nichts, aber ich merke, dass ich hätte wachsen können und es nicht getan habe.“
Das ist klar genug. Die Gegenprobe bestätigt, was in der Wachstumsvision aufgeschienen ist: Die Veränderung ist im Kern das, wohin Lena sich bewegen will. Nicht bedingungslos, aber grundsätzlich.
Ich stelle die Skala-Frage: „Wo stehst du auf einer Skala von eins bis zehn, was deine Klarheit angeht, diese Entscheidung zu treffen?“ Lena antwortet: „Sechs. Grundsätzlich eher ja. Aber mit Bedingungen, die ich noch nicht formuliert habe.“ Ich frage: „Was bräuchtest du, um bei neun zu sein?“ Lange Pause. „Kriterien. Harte Kriterien, an denen ich mich festhalten kann, wenn mein Kopf wieder springt.“
Das ist der Punkt, an dem wir in die letzte Arbeit der Sitzung gehen.
Die Entscheidungskriterien
Im Entscheidungscoaching ist die Kriterienarbeit der entscheidende Schritt vor dem Ende der Sitzung. Lena und ich arbeiten heraus, welche Bedingungen für eine Annahme erfüllt sein müssen (Muss-Kriterien) und welche sie sich wünscht, die aber kein Ausschlusskriterium sind (Kann-Kriterien). Wir formulieren jedes Kriterium als Ja-Nein-Frage, damit Lena es später nicht weichspülen kann.
Muss-Kriterien (5)
- 1. Kann Katrin bis zum Projektstart eigenverantwortlich Kundengespräche übernehmen? (Ja/Nein)
- 2. Kann ich die Finanzierung ohne persönliche Bürgschaft über das Geschäftsvermögen hinaus absichern? (Ja/Nein)
- 3. Sind unsere Qualitätsstandards so dokumentiert, dass ich sie delegieren kann, ohne Qualität zu verlieren? (Ja/Nein)
- 4. Kann ich die Freitags-Regel (18 Uhr Laptop zu) auch bei Projektspitzen halten? (Ja/Nein)
- 5. Stimmt mein Bauchgefühl nach drei Tagen Abstand weiter mit der Zahlenlage überein? (Ja/Nein)
Kann-Kriterien (3)
- 1. Gibt es Option für größere Büroräume ohne Langzeitbindung? (Ja/Nein)
- 2. Bietet das Projekt Referenzpotenzial für weitere Aufträge dieser Größe? (Ja/Nein)
- 3. Könnte Matthias flexibler bei der Kinderbetreuung unterstützen, wenn Projektphasen intensiv werden? (Ja/Nein)
Am Ende dieser Kriterienarbeit steht Lena vor ihrem Flipchart und sagt: „Das habe ich die letzten zwei Wochen gesucht. Ohne zu wissen, dass ich das suche.“ Die Skala-Frage wiederhole ich: „Wo stehst du jetzt, was deine Klarheit angeht?“ Sie antwortet: „Acht. Ich habe die Entscheidung noch nicht formal getroffen. Aber ich weiß, woran ich sie festmachen werde, und ich weiß, wohin sie tendiert: eher Ja, wenn die Muss-Kriterien halten.“
Die Sitzung abschließen
Nach vier Stunden ist der Termin zu Ende. Lena fotografiert Landkarte, Flipchart und Kriterienbogen. Wir packen die Karten in einen kleinen Karton. „Das gehört alles dir. Der Karton, das Flipchart, die Kriterien. Ich behalte hier nichts.“ Lena packt alles zusammen. Die Idee dahinter: Das Material soll bei ihr bleiben, damit sie es auch in Zukunft nutzen kann, um andere Entscheidungen selbstständig zu bearbeiten.
Ich stelle ihr eine letzte Frage: „Was ist der eine Satz, mit dem du heute Abend nach Hause gehst?“ Sie überlegt. „Ich habe die Entscheidung nicht getroffen. Aber ich habe sie nicht mehr vor mir wie einen Berg. Ich habe sie vor mir wie eine Liste. Das ist ein Unterschied.“
Ergebnis am Ende von Phase 2 und damit am Ende des Entscheidungscoaching-Termins
Systemlandkarte, SMARTEs Ziel, 18 Zielerreichungsmerkmale (3 priorisiert), fünf Muss- und drei Kann-Kriterien als Ja-Nein-Fragen. Klarheit auf Skala 8 von 10. Entscheidung noch nicht getroffen, aber greifbar.
Nach der Sitzung: Die Entscheidung entsteht
Der entscheidende Unterschied zum umfassenden Coaching: Im Entscheidungscoaching findet der Rest der Arbeit ohne Coach statt. Lena nimmt ihre Kriterien mit und prüft sie gegen die Realität. Sie führt Gespräche, die sie vorher gescheut hat. Sie holt Informationen, die ihr bisher gefehlt haben.
In den zwei Wochen nach der Sitzung tut Lena genau das, was sie in der letzten Stunde der Sitzung selbst geplant hatte. Sie spricht am Mittwoch mit ihrem Steuerberater. Die Antwort auf Kriterium 2 (Finanzierung ohne persönliche Bürgschaft) fällt knapper aus als gedacht, aber machbar. Sie setzt sich am Donnerstag mit Katrin zusammen. Katrin antwortet, ohne lange zu überlegen: „Ja, wenn du mich lässt. Ich habe das seit einem Jahr im Kopf. Ich brauche eine Rahmenstruktur, aber ich kann das.“ Kriterium 1: erfüllt.
Kriterium 3 (Qualitätsstandards schriftlich) bearbeitet Lena in zwei Abenden. Sie schreibt zwei Seiten, mehr nicht. Kriterium 4 (Freitags-Regel) testet sie eine Woche lang. Es klappt an drei von fünf Tagen. Ausreichend für den Anfang, klar verbesserungswürdig. Kriterium 5 (Bauchgefühl nach drei Tagen Abstand) erfordert keine aktive Handlung, nur Warten.
Am 18. Juli, zwei Tage vor ihrem eigenen Deadline-Datum, sitzt Lena an ihrem Küchentisch, schaut auf die Kriterienliste und trifft ihre Entscheidung. Sie sagt Matthias: „Ich nehme das Projekt an. Aber unter Bedingungen, die ich dem Kunden nennen werde, bevor ich Ja sage.“ Am 22. Juli führt sie das Telefonat mit dem Kunden. Sie nennt die drei Kernbedingungen, zu denen sie zusagt. Der Kunde akzeptiert zwei sofort, bei einer will er noch einmal sprechen. Lena fühlt sich nicht getrieben. Sie fühlt, dass sie verhandelt.
Follow-up
Lena hat am Ende der Sitzung zwei Follow-up-Optionen angenommen: loser E-Mail-Kontakt, falls sie zwischendurch eine Rückmeldung braucht, und ein kurzer Folgetermin von 60 Minuten in acht Wochen, um zu besprechen, wie die Entscheidung wirkt. Zwischenzeitlich schreibt sie zweimal. Einmal nach dem Katrin-Gespräch, weil sie einen Gedanken sortieren möchte. Einmal nach dem Anruf beim Kunden, weil sie die Verhandlungslogik noch einmal prüfen will, bevor sie in die Details einsteigt. Beide Male geht es um kleine Klärungen, nicht um neue Themen.
Der Folgetermin nach acht Wochen dauert eine Stunde. Lena berichtet von den ersten Schritten der Umsetzung. Sie stellt fest, dass die Freitags-Regel schwieriger zu halten ist als gedacht und dass Katrin mehr Struktur braucht als erwartet. Wir sprechen darüber, was ein nächster Schritt sein könnte. Lena entscheidet, dass sie für diese Themen ein umfassenderes Coaching möchte. Wir vereinbaren dafür einen neuen Einstieg mit Phase 1 bis 5. Das ist eine Option, die dir im Entscheidungscoaching immer offensteht, wenn sich zeigt, dass mehr Arbeit gebraucht wird.
Was aus der Fallstudie bleibt
Lena ist eine fiktive Figur. Aber das, was sie durchläuft, ist, was im Entscheidungscoaching mit Selbstständigen oft passiert. Nicht immer mit dieser Klarheit, nicht immer mit diesem Zeitrahmen. Manche kommen mit einer Entscheidung, die sie eigentlich längst getroffen haben, und suchen eine Bestätigung. Andere suchen Kriterien und entdecken darunter Rollenfragen. Wieder andere nutzen den Raum, um zu merken, dass der richtige Moment noch nicht da ist. Das Coaching ist kein Werkzeug, das Entscheidungen trifft. Es ist ein Werkzeug, mit dem du deine eigene Entscheidungsfähigkeit wiederfindest.
Das Entscheidungscoaching ist bewusst kompakt: ein Termin, vier Stunden, Phase 1 und Phase 2. Du gehst nicht zwingend mit einer Entscheidung, sondern mit den Kriterien, an denen du sie festmachen kannst. Wenn sich danach zeigt, dass du mehr Begleitung brauchst, ist der Übergang in ein umfassendes Coaching jederzeit möglich.
Wenn du als Selbstständige oder Selbstständiger vor einer ähnlichen Entscheidung stehst, klären wir im ersten Telefonat unverbindlich, ob ein Entscheidungscoaching passt oder ob eine andere Form der Begleitung sinnvoller wäre.
Stehst du vor einer Entscheidung, die sich im Kreis dreht?
Kontakt aufnehmenZum Weiterlesen
- Backhausen, W. & Thommen, J.-P. (2017). Coaching: Durch systemisches Denken zu innovativer Personalentwicklung. 4. Auflage, Springer Gabler.
Auf dieser Website: Beispielprozess zum Entscheidungscoaching (kompakter Überblick zum Format), Der Coaching-Prozess: Was dich erwartet (die theoretische Grundlage zu den fünf Phasen) und die Fallstudie zu Thomas (eine frisch beförderte Führungskraft im umfassenden Coaching mit allen fünf Phasen).

Über den Autor
Jan-Aiko Berends
Business Coach in Friesoythe. Sparrings- und Reflexionspartner für Führungskräfte, Teams und Selbstständige.
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