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Stopp-Start-Weiter: Drei Spalten, die dein Handeln sortieren

Methoden24. März 202610 Min. Lesezeit

Kennst du das Gefühl, ständig beschäftigt zu sein, aber am Ende des Tages nicht sicher, ob du wirklich an den richtigen Dingen gearbeitet hast? Du funktionierst, du erledigst, du hast volle To-Do-Listen. Aber wenn dich jemand fragen würde, ob das, was du tust, dich deinem Ziel näher bringt, müsstest du vielleicht erst mal überlegen, welches Ziel du eigentlich meinst.

Genau hier setzt Stopp-Start-Weiter an. Es ist ein Reflexionswerkzeug aus „Zeit für Fragen“ von John Strelecky, das sich hervorragend für die Coaching-Arbeit eignet und leicht weiterentwickeln lässt. Die Grundidee ist simpel: Du sortierst dein aktuelles Handeln in drei Kategorien. Was willst du lassen? Was willst du beginnen? Was läuft gut und bleibt? Das klingt einfach, und das ist es auch. Aber genau in dieser Einfachheit liegt die Kraft.

Warum überhaupt reflektieren?

Reflexion hat manchmal einen schlechten Ruf. Es klingt nach Tagebuchschreiben und langen Spaziergängen mit sich selbst. Aber im Kern geht es um etwas sehr Praktisches: Du hältst kurz an und prüfst, ob dein Autopilot noch in die richtige Richtung fliegt.

Strelecky beschreibt in seinem Buch, dass das größte Hindernis für ein erfülltes Leben im Wesentlichen auf zwei Dinge zurückgeht: Entweder man weiß nicht, welches Leben man führen will, oder man setzt es nicht um. Die meisten Menschen haben durchaus eine Vorstellung davon, was sie wollen. Was ihnen oft fehlt, ist ein regelmäßiger Abgleich zwischen dem, was sie tun, und dem, was sie eigentlich tun wollen. Stopp-Start-Weiter ist genau dieser Abgleich.

Die drei Kategorien

Stopp

Was kostet Energie, ohne Ergebnis? Was tust du nur noch aus Gewohnheit?

Start

Was schiebst du auf? Welcher erste Schritt wartet auf dich?

Weiter

Was funktioniert gut? Was gibt dir Energie und verdient Anerkennung?

Flipchart mit drei Spalten: Start (Was anfangen?), Stopp (Womit aufhören?), Weiter (Was läuft gut und bleibt?)
Das Stopp-Start-Weiter Reflexionstool: Drei Spalten, drei Fragen.

Stopp: Was darf gehen?

Die Stopp-Spalte ist für viele die schwierigste, weil sie ehrlich macht. Hier geht es um alles, was du tust, obwohl es dich nicht weiterbringt. Gewohnheiten, die sich eingeschliffen haben. Aufgaben, die du übernommen hast, weil niemand anderes sie gemacht hat. Verhaltensweisen, die irgendwann nützlich waren, aber ihren Zweck längst erfüllt haben.

Nicht alles, was du „schon immer so gemacht hast“, verdient einen Platz in deiner Zukunft.

Die folgenden Reflexionsfragen gehen bewusst über die Oberfläche hinaus. Welche Aufgabe kostet dich regelmäßig Energie, ohne dass du danach etwas Sinnvolles in der Hand hast? Was tust du nur noch aus Gewohnheit, nicht mehr aus Überzeugung? Welches Verhalten bringt dich deinem Ziel nicht näher, sondern hält dich nur beschäftigt?

Und dann eine Frage, die im Coaching oft den entscheidenden Unterschied macht: Was würdest du sofort streichen, wenn du wüsstest, dass niemand es dir übel nimmt? Diese Frage zeigt häufig, dass wir Dinge nicht aus eigenem Antrieb tun, sondern aus der Erwartung anderer. Das ist weder gut noch schlecht. Aber es lohnt sich, es zu wissen.

Es gibt noch eine zweite Art von Stopp-Punkten, die schwerer zu erkennen ist: Dinge, die sich im Moment gut anfühlen, uns danach aber schlechter dastehen lassen. Jeder kennt das Prinzip vom Essen. Eine Tüte Chips fühlt sich beim Greifen angenehm an, aber danach kommt das schlechte Gewissen. Beim Handeln im Alltag funktioniert es genauso. Eine Stunde durch Social-Media-Inhalte scrollen, die uns nicht weiterbringen, fühlt sich im Moment nach Pause an, hinterlässt aber oft ein Gefühl von verschwendeter Zeit. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur „Was kostet mich Energie?“, sondern auch: Was tust du regelmäßig, das sich währenddessen gut anfühlt, aber danach schlechter? Diese Punkte sind besonders tückisch, weil wir sie nicht als Problem wahrnehmen, solange wir mittendrin stecken. Erst der ehrliche Blick auf das Danach macht sie sichtbar.

Start: Was wartet auf dich?

Die Start-Spalte fühlt sich meistens leichter an, weil sie mit Möglichkeiten zu tun hat. Hier sammelst du alles, was du anfangen willst, aber bisher aufgeschoben hast. Die Idee, die seit Wochen im Kopf kreist. Das Gespräch, das du führen müsstest. Die Veränderung, von der du weißt, dass sie fällig ist.

Was schiebst du seit Wochen vor dir her? Was würdest du tun, wenn du heute noch einmal ganz von vorne anfangen könntest? Welche Fähigkeit oder welches Wissen würde dich in deiner aktuellen Rolle am meisten voranbringen?

Eine Frage, die im Coaching besonders wirkungsvoll ist: Was ist der kleinste denkbare Schritt, mit dem du morgen starten könntest? Nicht der große Plan, nicht die perfekte Umsetzung. Sondern der eine Schritt, der so klein ist, dass es sich fast lächerlich anfühlt, ihn nicht zu tun. Veränderung beginnt selten mit einem Sprint. Meistens reicht ein einziger bewusster Schritt.

Weiter: Was verdient Anerkennung?

Die Weiter-Spalte wird oft unterschätzt, dabei ist sie mindestens genauso wichtig wie die anderen beiden. Reflexion bedeutet nicht nur, Probleme zu finden. Es bedeutet auch, das Gute bewusst wahrzunehmen. Was funktioniert bereits gut? Was gibt dir Energie? Worauf bist du stolz, auch wenn du es dir selten sagst?

Und eine Frage, die selten gestellt wird: Was würdest du vermissen, wenn du es plötzlich nicht mehr hättest? Diese Frage schärft den Blick für Dinge, die im Alltag unsichtbar geworden sind, weil sie einfach laufen. Ein gut funktionierendes Team. Eine Routine, die dir Struktur gibt. Eine Beziehung, in die du regelmäßig investierst. Manchmal braucht es die gedankliche Abwesenheit, um den Wert einer Sache zu erkennen.

So wendest du es an

Nimm ein Blatt Papier und zieh drei Spalten, oder nimm drei einzelne Blätter, eins pro Kategorie. Schreib pro Spalte auf, was dir spontan einfällt. Gib dir dafür mindestens 15 Minuten ungestörte Zeit.

Im nächsten Schritt priorisierst du. Nicht alles gleichzeitig ändern. Markiere den wichtigsten Punkt pro Spalte und frag dich: Was wäre der kleinstmögliche nächste Schritt, der schon einen Unterschied macht? Ein Stopp-Punkt muss nicht sofort komplett verschwinden. Ein Start-Punkt braucht keinen ausgearbeiteten Plan. Und ein Weiter-Punkt darf auch einfach bewusst gewürdigt werden, ohne dass du etwas daran änderst.

Best Practice: Das Aufgabentagebuch als Vorbereitung

Eine Kombination, die besonders wirkungsvoll ist und über Streleckys Originalwerkzeug hinausgeht.

Falls dir bei der Stopp-Start-Weiter-Reflexion spontan wenig einfällt, liegt das meistens nicht daran, dass du zu wenig nachdenkst. Es liegt daran, dass du zu wenig beobachtest. Wir unterschätzen massiv, wie viel wir im Autopilot erledigen, ohne es bewusst wahrzunehmen. Die Lösung: ein Aufgabentagebuch.

Das Prinzip ist einfach. Führe eine Woche lang, besser noch einen Monat, ein Tagebuch über alles, was du tust. Nicht nur die großen Projekte, sondern auch die kleinen Aufgaben, die Routinen, die Gespräche, die Ablenkungen. Jede Aufgabe bekommt eine kurze Bewertung: Wie hat sich das angefühlt? Hat es mich weitergebracht? Würde ich das wieder tun? Eine einfache Sternebewertung reicht aus, von eins bis fünf.

Nach einer Woche oder einem Monat nimmst du dein Aufgabentagebuch und machst die Stopp-Start-Weiter-Reflexion. Der Unterschied ist enorm. Statt aus dem Bauchgefühl heraus zu reflektieren, hast du Daten. Du siehst schwarz auf weiß, wofür du deine Zeit verwendest. Du erkennst Muster, die dir im Alltag verborgen bleiben. Aufgaben, die immer wieder eine Eins bekommen. Routinen, die regelmäßig mit Fünf bewertet werden. Tätigkeiten, die gar nicht auftauchen, obwohl du sie eigentlich wichtig findest.

Das Aufgabentagebuch macht die Stopp-Start-Weiter-Reflexion von einer Momentaufnahme zu einer fundierten Standortbestimmung. Du reflektierst nicht mehr über das, was dir gerade einfällt, sondern über das, was tatsächlich passiert ist. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Für Führungskräfte: Stopp-Start-Weiter im Team

Das Werkzeug funktioniert nicht nur für die eigene Reflexion. Auch in Teams lässt es sich wirkungsvoll einsetzen. Führungskräfte können ihre Teammitglieder bitten, jeweils eigene Stopp-Start-Weiter-Listen zu erstellen und die Ergebnisse anschließend gemeinsam zu besprechen.

Was dabei oft passiert: Die Stopp-Spalten überschneiden sich überraschend stark. Prozesse, die alle als umständlich empfinden, aber niemand anspricht. Meetings, die keiner braucht, aber alle besuchen. Berichte, die geschrieben werden, weil sie irgendwann mal eingeführt wurden.

Gleichzeitig zeigen die Start-Spalten häufig, wo ungenutztes Potenzial liegt. Ideen, die im Alltag untergehen. Kompetenzen, die nicht abgerufen werden. Veränderungen, auf die das Team eigentlich wartet.

Wichtig dabei: Die Übung funktioniert nur in einem Rahmen, in dem ehrliche Antworten möglich sind. Wenn Teammitglieder befürchten, dass ihre Stopp-Punkte als Kritik aufgefasst werden, werden sie nichts Relevantes aufschreiben. Hier lohnt es sich, den Rahmen bewusst zu setzen, zum Beispiel durch anonyme Sammlung oder eine offene Frage wie: „Was müssten wir als Team verändern, damit wir in drei Monaten sagen können, dass sich etwas verbessert hat?“

Wo die Methode an Grenzen stößt

Stopp-Start-Weiter ist ein Reflexionswerkzeug, kein Analysewerkzeug. Es zeigt dir, wo du stehst und welche Richtung sich richtig anfühlt. Aber es erklärt dir nicht, warum du dort stehst. Wenn du merkst, dass die gleichen Punkte immer wieder in deiner Stopp-Spalte auftauchen, ohne dass sich etwas ändert, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Vielleicht steckt hinter dem „Ich sollte damit aufhören“ ein Muster, das tiefer liegt als eine einfache Gewohnheit.

Auch die Start-Spalte kann trügerisch sein. Nicht jedes „Ich müsste mal...“ ist ein echtes Ziel. Manchmal ist es der Wunsch, der gerade gesellschaftlich erwartet wird, oder eine Idee, die sich aufregend anfühlt, aber nicht zu den eigenen Werten passt. Hier hilft es, die eigenen Einträge mit einer Zusatzfrage zu prüfen: Warum genau will ich das anfangen? Für wen mache ich das? Und was passiert, wenn ich es nicht tue?

Wenn du bei solchen Fragen ins Stocken gerätst, kann ein Gespräch mit jemandem helfen, der die richtigen Fragen stellt, nicht die richtigen Antworten hat. Genau das ist die Aufgabe, die ein Coaching-Prozess übernehmen kann.

Ein Vorschlag zum Ausprobieren

Falls du neugierig geworden bist: Nimm dir diese Woche 20 Minuten, ein Blatt Papier und drei Spalten. Schreib auf, was dir zu Stopp, Start und Weiter einfällt. Priorisiere einen Punkt pro Kategorie. Schau, was passiert. Und wenn du noch einen Schritt weitergehen willst: Starte mit dem Aufgabentagebuch und wiederhole die Übung in einer Woche mit echten Daten. Vielleicht überrascht dich, was du entdeckst.


Primärquelle: John Strelecky: Zeit für Fragen im Café am Rande der Welt (S. 20–21, 73–74)

Die Nennung einer Quelle ist keine Buchempfehlung. Falls du wissen möchtest, welche Bücher ich empfehle, schreib mir gerne.

Literaturverzeichnis

  • Adams, M. (2009). Question Thinking: Verändern Sie Ihre Fragen und Sie verändern Ihr Leben. Klett-Cotta.
  • Strelecky, J. (2024). Zeit für Fragen im Café am Rande der Welt. dtv.
Jan-Aiko Berends

Über den Autor

Jan-Aiko Berends

Business Coach in Friesoythe. Sparrings- und Reflexionspartner für Führungskräfte, Teams und Selbstständige.

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